Von Whitney Buchli
Wenn ich an meine Sommer in der Kindheit in Kanada zurückdenke, fallen mir sofort die Campingtrips mit meiner Familie und unseren Freunden ein. Ich denke an das Angeln vom Steg aus, an Fahrradtouren durch die Wälder der Provincial Parks, an Glühwürmchen, die wir in Einmachgläsern gefangen haben, und an diese endlos langen Sommertage, die wir von Morgens bis Abends draussen verbracht haben. Ich denke an Spieleabende am Picknicktisch, an Gruselgeschichten am Lagerfeuer, an Momente, in denen wir uns lang ausgestreckt auf den warmen Felsen von der Sonne wärmen liessen, und an den Blick in den Sternenhimmel am Abend.
Das Leben fühlte sich damals wunderbar einfach an. Wir verbrachten ganze Tage an der frischen Luft, bauten uns unsere eigenen Abenteuer, gingen auf Entdeckungstour und schwammen im See. Diese Sommer bedeuteten pure Freiheit – die Freiheit, einfach loszuziehen, neugierig zu sein und für lange Zeit ganz in die Natur einzutauchen.
Wenn ich heute zurückblicke, erinnere ich mich gar nicht mehr an einen ganz bestimmten Zeltplatz oder eine spezielle Aktivität. Es ist vielmehr das Gefühl, das diese Erlebnisse hinterlassen haben: Ein Gefühl von tiefer Verbundenheit – zur Natur, zu den Menschen um mich herum und zu den einfachen Rhythmen des Lebens unter freiem Himmel. Das sind genau die Erinnerungen, von denen ich hoffe, dass meine Töchter sie später haben werden.
In diesem Sommer sind wir als Familie zu einem Kanu- und Kajaktrip in die Wildnis der Georgian Bay in Ontario aufgebrochen. Wir wollten unseren Kindern ein kleines Stück von genau dieser Freiheit und Verbundenheit weitergeben. Und was wir fanden, war die Chance, einen Gang runterzuschalten, ganz simpel zu leben und komplett im Rhythmus der Natur anzukommen.

Warum wir hierhergekommen sind
Mit ihren sechs und acht Jahren sind unsere Töchter schon ziemlich erprobt, was Outdoor-Abenteuer angeht. Als Familie haben wir fast zwei Jahre lang in einem Campervan gelebt und sind damit herumgereist.
Wir haben abgelegene Orte erkundet und gelernt, uns draussen absolut zu Hause zu fühlen. Wir waren auch schon früher zu Fuss zu abgelegenen Zeltplätzen gewandert oder zu Inseln gepaddelt – aber dieses Mal haben wir beides miteinander kombiniert. Und was noch viel wichtiger war: Es war das erste Mal, dass wir einen Platz zum Zelten ausschliesslich über den Wasserweg ansteuern konnten. Das hat das ganze Erlebnis für uns alle zu einem völlig neuen, aufregenden Abenteuer gemacht.
Den Trip haben wir im Vorfeld sorgfältig geplant und vorbereitet: Wetterberichte studieren, Notfallausrüstung checken, Essen genauestens planen und verpacken, wasserdichte Packsäcke verschliessen und eine lange Fahrt nach Norden. Ein Jahr zuvor waren mein Mann und ich die Route schon einmal allein abgepaddelt, um die Lage auszukundschaften und sicherzugehen, dass die Strecke für uns als Familie auch realistisch ist. Seitdem haben wir davon geträumt, genau hierher mit unseren Töchtern zurückzukehren.
Doch trotz der ganzen Planung blieb diese gewisse Ungewissheit. Das Wetter kann hier wahnsinnig schnell umschlagen. Und die Zeltplätze funktionieren nach dem Prinzip: First come, first served. Es gibt also nie eine Garantie, dass der Lieblingsplatz noch frei ist, wenn man endlich ankommt. Aber genau dieses Ungewisse ist doch Teil des Abenteuers.
Was sich lohnt, ist selten einfach. Einige der besten Erfahrungen im Leben erfordern Anstrengung, Flexibilität und die Bereitschaft, die Kontrolle auch mal abzugeben. Das sind Lektionen, von denen wir hoffen, dass unsere Töchter sie ganz nebenbei fürs Leben mitnehmen.

Unsere Insel
Als wir endlich um die Landzunge bogen und sahen, dass unser Lieblingsplatz tatsächlich leer war, fiel uns ein riesiger Stein vom Herzen. Das Risiko hatte sich gelohnt. Genau ein Jahr vorher standen wir auf exakt denselben Granitfelsen und haben uns ausgemalt, wie es wohl wäre, unsere Töchter mit an diesen Ort zu bringen. Jetzt waren wir endlich alle zusammen hier.
Der Zeltplatz lag mitten unter windschiefen Kiefern mit Blick auf eine ruhige Bucht, umgeben von rauem Granitufer und einer endlosen Weite, die am Horizont mit dem Himmel verschmolz. Der Duft von warmen Kiefernnadeln lag in der Luft. Es fühlte sich gleichzeitig vertraut und wunderbar wild an.
Beim Ausladen und Camp-Aufbauen hatte jeder seine Aufgabe: Die Packsäcke wurden an Land geschleppt, die Schlafsachen ausgepackt und die Zelte zwischen den Bäumen aufgestellt. Entscheidungen haben wir gemeinsam getroffen: Wo aufgestellt wird, wo wir kochen, wo wir baden gehen und von wo aus wir den Sonnenuntergang beobachten. Nach monatelanger Planung tat es einfach unheimlich gut, endlich anzukommen und sich einzurichten.

Das Leben auf der Insel
Die Tage auf der Insel fanden schnell ihren eigenen, einfachen Rhythmus. Wir paddelten zwischen den Inseln umher, entdeckten versteckte Buchten und glatte Granitfelsen und schwammen im kalten, klaren Wasser, bis wirklich alle müde und hungrig waren. Wir hielten unsere Lieblingsinsel mit Wasserfarben im Skizzenbuch fest, lasen Bücher in der Hängematte oder suchten nach wilden Heidelbeeren, die zwischen den Steinen wuchsen.
Abends zogen Kanadagänse am Lager vorbei, und während wir das Abendessen kochten, bekamen wir Besuch von Streifenhörnchen. Jeder Tag endete damit, dass wir uns alle um das Lagerfeuer versammelten, Geschichten erzählten, sangen und zusammen etwas Warmes assen.

Natürlich gäbe es einfachere Wege, um als Familie zu reisen. Trips mit deutlich weniger Vorbereitung, mehr Komfort und viiiel weniger Mücken. Aber es sind genau diese Erfahrungen, an die man sich ein Leben lang erinnert.
Das Leben unter freiem Himmel macht Verantwortung greifbar. Ein Feuer brennt nicht ohne trockenes Holz. Trinkwasser gibt es nicht ohne Anstrengung. Und das Essen ist erst wirklich vorbei, wenn alles abgewaschen, sauber verpackt und absolut sicher für die Nacht verstaut ist. Jedes Kind trägt seinen Teil bei, und mit der Zeit bekommen diese kleinen Aufgaben eine echte Bedeutung für sie.
Am Ende des Tages belohnten wir uns mit über dem Feuer gerösteten Marshmallows und schliefen unter den Sternen ein, während die Wellen leise an das felsige Ufer schlugen.

Der Weg nach Hause
An unserem letzten Abend im Camp checkten wir den Wetterbericht auf unserem GPS und sahen, dass für den nächsten Tag ein Sturm im Anzug war.
Am folgenden Morgen standen wir früh auf, als das Wasser noch spiegelglatt war. Schlafsäcke wurden in ihre Hüllen gepackt, Zelte abgebaut, Packsäcke fest verschlossen. Alle halfen mit. Nachdem wir Tage gebraucht hatten, um uns an das Inselleben zu gewöhnen, verschwand unser Lagerplatz überraschend schnell. Um 6 Uhr morgens waren wir bereits wieder auf dem Wasser und paddelten in Richtung Festland, noch bevor das Unwetter losbrach.

Die Bucht lag völlig ruhig da, das dunkle Wasser war glatt wie Glas unter unseren Kajaks.
Irgendwo in der Ferne hallten die Rufe von Eistauchern über die felsigen Ufer, und die Mädchen antworteten mit ihren eigenen Rufen. Zu unserer Überraschung tauchte kurz darauf einer der Vögel ganz nah an unserem Kanu auf. Normalerweise extrem scheu und distanziert, blieb er einen kurzen Moment bei uns, bevor er wieder im dunklen Wasser verschwand. Es war ein winziger Moment, aber einer von denen, die man niemals vergisst.
Unter einem immer dunkler werdenden Himmel paddelten wir gleichmässig dem Festland entgegen, und genau in dem Moment, als wir die Anlegestelle erreichten und das Kanu aus dem Wasser hoben, begann es zu regnen.
Allein im Nirgendwo, zusammen als Familie
Draussen auf den Inseln gibt es keine Strassen, keine Läden und keine Menschenmassen. Für ein paar Tage fühlt es sich so an, als ob der Rest der Welt einfach weggefallen wäre.
Wenn es keinen Zeitdruck und keine Ablenkung gibt, verändert sich etwas. Die Gespräche werden tiefer und dauern länger. Die kleinen Momente nahm ich plötzlich wieder bewusst wahr, und fing an, Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die im normalen Alltag oft komplett untergehen.

Wir sind hierhergekommen, um genau nach dem Gefühl zu suchen, das ich aus meinen eigenen Kindheitssommern in Erinnerung hatte: Freiheit, Abenteuer, Einfachheit und diese tiefe Verbindung zur Natur. Das haben wir gefunden, und noch viel mehr.
Wir kamen müde nach Hause, von Mücken zerstochen und brauchten alle dringend eine richtige Dusche. Aber die besten Abenteuer lassen dich nun mal selten ausgeruht zurück. Sie schenken dir stattdessen Geschichten, Erinnerungen und eine viel tiefere Wertschätzung für die Menschen, mit denen du sie geteilt hast.
Wir waren mutterseelenallein in der Wildnis – aber als Familie so nah beieinander wie selten zuvor. Die Mädchen reden immer noch ununterbrochen von der Insel. Wir träumen schon von unserem nächsten Trip dorthin und hoffen einfach wieder darauf, dass unser Lieblingszeltplatz frei sein wird, wenn wir das nächste Mal ankommen.






















